„Das Werk entstand als mir das Team der Cité den Palais de la Porte Dorée zeigte und mir vorschlug in diesen Räumlichkeiten ein Projekt zu machen. Ich war vor allem von den Fresken des Festsaals überrascht; dieses gigantische Gemälde, dermaßen beeindruckend und bezeichnend für den Geist indem das Palais 1931 erbaut worden ist: Die Fresken zeigen den Beitrag Frankreichs an anderen Länder dieser Welt – eine Art Hymne an seine Großzügigkeit – und sie verkörpern die Vision des Verhältnisses Frankreichs zu allen Teilen der Welt. Ich wollte sogleich diesen Fresken eine Antwort entgegenbringen, eine Antwort die eine zeitgenössische Reflexion über Fragen der Migration und dem Bezug zum andern sein sollte; eine Antwort die diesen Bezug umkippt: da heutzutage das Zentrum von der Peripherie bevölkert ist. Ich habe Gilles Delmas, einem befreundeten Videoasten, davon erzählt, der seinerseits das Gebäude besichtigte und der die gleiche Art von Reaktion verspürte. Er sah sofort ein kleines Haus in Form einer Installation im Inneren dieses großen Palais. Was mich betrifft, so war ich davon überzeugt, dass das Medium Video notwendig ist um den Fresken etwas zu entgegnen. Unsere beiden Visionen fügten sich zusammen und ergaben die zon-mai“.
„Wir haben die Tänzer bei sich zuhause gefilmt und mit jedem Tänzer ist die jeweilige Sequenz auf unterschiedliche Weise entstanden: Manchmal sind wir von einer Improvisation über das Thema ausgegangen, manchmal von Choreographien die bereits für ein vorhergehendes Stück existiert haben oder gerade im Entstehen waren. Wir suchten nach verschiedenen Emotionen, verschiedenen Beziehungen zu Immigration und dem „zu Hause“.
So zum Beispiel mit Shantala: ich habe sie gebeten sich vorzustellen, dass ihr all der notwendige Raum zur Verfügung steht, trotzdem hatte sie das Verlangen verspürt diese Grenzen zu überschreiten, in eine andere Richtung zu gehen. Wir haben ebenfalls mit ihrem Verhältnis zu einer Fensterscheibe gearbeitet: sie war in einem großen Appartement, das aber zugleich auch ein finsteres Appartement war und nur durch das Licht eines einzigen Fensters erhellt wurde. Ihre Hände prallten wie Nachtfalter gegen diese Scheibe die ihr im Weg stand und sie davon abhielt mit der Sonne zu tanzen.“
„Die Tänzer wussten nicht wie ihre Sequenzen in die Installation integriert werden, welche Form sie annehmen würden, trotzdem haben sie mir Vertrauen geschenkt und mir viel von sich gegeben. Die Programmabläufe der Montage sind auf eine sehr instinktive Weise entstanden und im Endeffekt haben Gilles und ich die Reihenfolge gefunden die uns richtig erschien. Der Zufall – der niemals völliger Zufall ist – hat hier auch viel beigetragen. Nachträglich ist mir bewusst geworden, dass es 21 Sequenzen gab, gleich den 21 Tarotkarten. Jede Sequenz könnte eine Anspielung auf eine Tarotkarte sein die einen Archetyp repräsentiert.“
„Die Stimme von Fadia El Hage dringt auf sehr natürliche Weise durch, aber auch das ist ein Ergebnis des Zufalls.
Ich war gerade dabei mit ihr an einem Projekt für 2008 zu arbeiten; deshalb hörte ich viel ihre Musik und begann zur gleichen über die zon-mai nachzudenken, über die Musik über die wir noch nicht wirklich eine vordefinierte Idee hatten. Als ich gleichzeitig an beiden Projekten bei mir zuhause arbeitete und durch das andere Projekt bereits mit der Stimme von Fadia vollgesogen war, hat sich die zon-mai dazwischengestellt und so ist das Klanguniversum der zon-mai nach und nach ersichtlich geworden: die Stimme von Fadia schien mir völlig richtig und ganz und gar treffend und als ich einige Gesänge an den Sequenzen ausprobiert habe, fügten sie sich mit großer Natürlichkeit zusammen.“
"„Einerseits unterstreicht die zon-mai das Nomadentum und die Migration als völlig natürliche und immerwährende Phänomene, andererseits hebt sie aber auch das Verlangen nach einem Ort, an dem man etwas länger bleiben könnte hervor.
Für mich stellt das Haus ein Moment der Pause dar, es ist kein Ort an dem man bleibt, das Leben besteht auch aus reisen und wandern. Und die zon-mai ist ein Ort an den die Menschen kommen um ein oder zwei Stunden zu verbringen; es ist eine Stätte der Besinnlichkeit: Ich verweile hier einen kleinen Augenblick, ich schaue mich um, ich denke nach, nicht nur über das was ich gerade sehe sondern auch über das was ich erlebt habe. Danach kehre ich in das Leben zurück, in die Bewegung, in die Migration. Weil man täglich wandert: für einige von uns indem sie die Metro nehmen für andere wiederum, bei der Durchquerung des ganzen Planeten Erde.
Ich glaube, dass mich die zon-mai vor allem mit dem Bedürfnis nach einem Ort an dem man einen Augenblick ausruhen kann, konfrontiert hat, und sei es nur eine momentane Pause um Kräfte zu sammeln um erneut in eine Periode des absoluten Nomadentums aufzubrechen.
„Ich weiß noch immer nicht, wo mich diese Reiserei hinführen wird, aber ich habe den Eindruck, dass die zon-mai mir zu sagen versucht, dass ich auf der Suche nach meinem eigenen „zu Hause“ bin.
Dieses „zu Hause“, dieser Ort, befindet sich schlussendlich da wo jene Leute sind, die mir wichtig sind, nun aber sind die Leute die mir am wichtigsten sind die Tänzer mit denen ich zusammenarbeite. Und für mich ist das einer der größten Besonderheiten der zon-mai: sie führt unter demselben Dach Tänzer zusammen, denen es sonst unmöglich gewesen wäre sich für eine Aufführung zu versammeln, aus dem einfachen Grund, weil sie ihr Leben und ihre Karriere in verschiedenen Ländern haben und in verschiedenen Ensembles auftreten.
Die zon-mai war für mich die Gelegenheit all diese Tänzer in einem Kunstwerk, an ein und demselben Ort wiederzufinden und sie gemeinsam zur selben Zeit tanzen zu lassen. Ich glaube das ist eines der „Wunder“ der zon-mai: Sie hat diese Annäherung meiner verschiedenen Welten ermöglicht“.
Sidi Larbi Cherkaoui
(Englische Version des Textes zum Herunterladen)
Die zon-mai: Sidi Larbi Cherkaoui und Gilles Delmas©Gilles Delmas