Eine monumentale und multimediale Installation in einem historischen Museum... Sidi Larbi Cherkaoui über eine Zusammenarbeit, die nicht sofort offensichtlich war.

Wahrnehmen...

„Was ich in der Unterscheidung die gewöhnlich zwischen einem Museum auf der einen Seite und der Kunst auf der anderen Seite gemacht wird, widersprüchlich finde ist, dass recht oft die Überbleibsel die wir aus der Vergangenheit haben, ob es nun eine Vase oder ein Gemälde ist, aus dem Bereich der Kunst kommen. Oft ist es die Kunst, die Zeuge längst vergangener Zeiten ist oder die uns über das Leben von damals berichtet. Dieser Logik zu Grunde hat die zon-mai ihren rechten Platz in einem Museum, weil es uns das Leben von heute erzählt. In 50 Jahren, wird sich das Publikum dieser Installation sagen „So haben also die Menschen die Dinge 2007 betrachtet“. Die Beziehung zwischen einem Museum und Kunst war stets vorhanden, sie ist schlussendlich sehr natürlich. Kunst wurde schon immer als Zeuge der Realität und somit auch der Vergangenheit präsentiert.
Wenn man das Problem anders stellt und wenn man sich fragt wie die Anwesenheit der Gegenwartskunst in einem historischen Museum gerechtfertigt werden kann, kann ich nur den Willen hervorheben einen anderen Zugang vorzuschlagen, keinen wissenschaftlichen sondern einen künstlerischen, der erlaubt, andere Sachen zu vermitteln. Der Tanz ist für mich eine Sprache, eine Sprache, die erlaubt, menschliche Emotionen, Menschen selbst, in den Vordergrund zu stellen. Und es ist eine Sprache die viele Menschen verstehen und zwar auf körperliche, unmittelbare Weise. Es geht hier um Wahrnehmung die jenseits der Reflexion ist, eine die an die Sinnesempfindung gebunden ist: Auch wenn die Leute nicht verstehen was gesungen oder gesagt wird, spüren sie es. Für mich heißt Kunst auch akzeptieren zu können, dass bestimmte Dinge manchmal gespürt werden müssen und nicht nur theoretisiert werden können. Das ist es was die gegenwärtige Kunst einem historischen Museum bringen kann.
Über dieses Empfinden hinaus ermöglicht die Kunst auch das miteinander teilen:  Sobald ich das Gefühl habe etwas zu empfinden, verspüre ich das Verlangen es zu teilen;  etwas das mich anspricht, möchte ich in einen bestimmten Kontext bringen damit auch andere davon berührt werden können“.

„In der zon-mai ist das Teilen wichtig. Dieses Projekt war Gelegenheit Tänzer aus verschiedenen Tanzensembles im selben Haus zusammen zu bringen, sie im selben Raum leben zu lassen und jedem seinen Platz und seinen Moment im Inneren dieses Hauses zu geben. Die Fortsetzung dieser Idee des Teilens, diesmal seitens des Publikums, auch das ist der Reiz eines Schauspiels und man neigt dazu das zu vergessen: Menschen versammeln sich an einem Ort, die einen neben den andern sitzend, um einen Moment zu teilen. Ein Spektakel ist nicht etwas privates, es ist ein äußerst sozialer Moment. Alle sind Teil dieses Rituals, der den Bezug zur Vorführung darstellt“.

....zugleich eine Vielzahl von Blickwinkeln bewahren

„Zusätzlich kann jeder mit der zon-mai seinen Blickwinkel auswählen.
Man kann sich herum drehen, sich entfernen oder sich annähern, sich in eine Ecke stellen. Hier glaube ich, dass die Persönlichkeit jedes Einzelnen aus dem Publikum an die Oberfläche kommt: in der Art und Weise die zon-mai anzuschauen, in der Auswahl die die Menschen treffen, sie auf eine bestimmte Weise anzusehen, aus einer bestimmten Perspektive, einem bestimmten Winkel. Man hat das Recht auszuwählen, man hat das Recht hinauszugehen, man hat das Recht sich zu drehen, man hat das Recht eine Zigarette rauchen zu gehen und wieder zurück zu kommen, all das was normalerweise während einer Aufführung nicht erlaubt ist. Es gibt eine Menge von Vorschriften die mit der zon-mai nicht mehr existieren. Und gleichzeitig ist nichts kränkendes dabei, dass die zon-mai ohne uns weiterlebt und unterwegs ist, auch wenn alle hinausgehen und man sie wiederfindet wenn man zurück ist“.   

Sidi Larbi Cherkaoui 


(Englische Version des Textes zum Herunterladen) 

Verschiedene Arten die zon-mai zu betrachten...

La Condition Publique © Awatef Chengal

Verschiedene Arten die zon-mai zu betrachten...

La Condition Publique © Awatef Chengal